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Darf Tanzen schön sein?

vor 1 Tag
7 Min. Lesezeit
Tänzerin in einer eleganten, fließenden Bewegung – Titelbild zum Tropical Swing Blogartikel über Schönheit, Ästhetik und Ausdruck im Tanz.

Über Ästhetik, Individualität und die Freiheit, sich schön zu bewegen.

Vor vielen Jahren hatte ich zwei Bücher von Umberto Eco in den Händen: Die Geschichte der Schönheit und Die Geschichte der Hässlichkeit. Zwei beeindruckende Werke, die sich damit beschäftigen, wie Menschen über Jahrhunderte hinweg Schönheit und Hässlichkeit wahrgenommen, dargestellt und bewertet haben.

Was wir als schön empfinden, war nie unveränderlich. Schönheitsideale sind geprägt von Kultur, Zeitgeist, gesellschaftlichen Vorstellungen und persönlichen Erfahrungen.

Und doch scheint es etwas zu geben, das uns Menschen immer wieder zur Schönheit hinzieht. Wir suchen sie in der Kunst, in der Musik, in der Natur, in der Architektur – und natürlich auch im Tanz.


In letzter Zeit beschäftigt mich allerdings eine Frage: Dürfen wir Schönheit eigentlich noch wichtig finden?


Wenn Schönheit zum schwierigen Thema wird

In den vergangenen Jahren hat sich unser gesellschaftlicher Umgang mit Schönheit verändert.

Wir hinterfragen Körperideale, sprechen über Vielfalt und versuchen, Menschen nicht anhand ihres Aussehens zu bewerten. Das halte ich für eine wichtige Entwicklung. Niemand sollte das Gefühl haben, einem bestimmten körperlichen Ideal entsprechen zu müssen, um sich zeigen, bewegen oder tanzen zu dürfen.

Gleichzeitig habe ich manchmal den Eindruck, dass wir in unserem Bemühen, niemanden auszuschließen, auch vorsichtiger geworden sind, Schönheit überhaupt als etwas Erstrebenswertes zu benennen.

Als wäre bereits der Wunsch nach Ästhetik problematisch.

Als würde die Wertschätzung einer schönen Bewegung automatisch bedeuten, eine andere Bewegung oder einen anderen Körper abzuwerten.


Aber muss das wirklich so sein?

Können wir nicht anerkennen, dass Schönheit subjektiv ist, ohne deshalb aufhören zu müssen, nach ihr zu suchen?

Gerade im Tanz erscheint mir diese Frage besonders interessant.

Denn Tanzen ist für mich nicht nur Bewegung, nicht nur Sport und auch nicht ausschließlich ein Mittel, um sich auszudrücken.

Tanzen ist eine Kunstform.

Und Ästhetik gehört für mich untrennbar dazu.


Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichförmigkeit

Vielleicht liegt ein Teil unseres Missverständnisses darin, dass wir Schönheit zunehmend mit Perfektion verwechseln.

Wir leben in einer Zeit, in der wir uns zu Recht bemühen, Menschen unabhängig von ihrem Aussehen, ihrem Körper, ihrem Alter oder ihren Fähigkeiten als gleichwertig anzuerkennen.

Und doch frage ich mich manchmal, ob wir dabei nicht zwei Dinge miteinander vermischen.

Denn Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichförmigkeit.

Wir müssen nicht alle gleich aussehen, uns gleich bewegen oder dieselben Fähigkeiten besitzen, um den gleichen Wert als Menschen zu haben.

Und wir müssen auch nicht alles gleichermaßen schön finden, um einander mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen.

Vielleicht haben wir in unserem Bemühen, niemanden durch Schönheitsideale unter Druck zu setzen, ein wenig aus den Augen verloren, dass Schönheit auch etwas sein kann, wonach wir uns ganz natürlich sehnen.

Nicht, weil wir uns selbst als unzureichend empfinden.

Nicht, weil wir einem gesellschaftlichen Ideal entsprechen müssen.

Sondern weil Schönheit uns berühren, inspirieren und in Bewegung bringen kann.


Die Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen

Der Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli greift immer wieder einen Gedanken auf, der mich in diesem Zusammenhang beschäftigt: die philosophische Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen.

Dahinter steht für mich eine wunderbare Vorstellung: dass der Mensch nicht ausschließlich danach strebt, Fehler zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen oder möglichst gut dazustehen.

Sondern dass er sich auch nach etwas ausrichten kann, das über ihn selbst hinausgeht.

Nach Wahrheit. Nach Sinn. Nach Schönheit.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied zwischen Perfektionismus und dem Streben nach Schönheit.

Perfektionismus fragt: Bin ich gut genug? Mache ich alles richtig? Wie werde ich von anderen gesehen?

Die Suche nach Schönheit fragt etwas anderes:

Was berührt mich? Was möchte ich gestalten? Was kann aus dieser Bewegung entstehen?

Der eine Blick richtet sich auf unsere vermeintlichen Mängel.

Der andere auf unsere Möglichkeiten.

Und das macht für mich einen gewaltigen Unterschied.


Schönheit braucht keine Perfektion

Gerade im Tanz wird dieser Unterschied sichtbar.

In meinen Kursen erlebe ich immer wieder, wie sehr sich Menschen mit der Vorstellung beschäftigen, etwas richtig machen zu müssen.

War der Schritt korrekt? War die Drehung gut? Habe ich meinen Arm richtig gehalten? Habe ich mich vielleicht sogar lächerlich gemacht?

Gerade Anfängerinnen und Anfänger stehen sich mit diesen Gedanken manchmal selbst im Weg.

Dabei ist Perfektion überhaupt nicht das, wonach ich suche, wenn ich jemanden tanzen sehe.

Ein Mensch kann technisch nahezu perfekt tanzen und uns dennoch nicht berühren. Ein anderer führt eine einfache Bewegung aus, vielleicht sogar mit kleinen Unsicherheiten, und trotzdem entsteht etwas unglaublich Schönes.

Weil die Bewegung zur Musik passt. Weil sie etwas von der Persönlichkeit des Menschen sichtbar macht.


Schönheit muss nicht makellos sein.

Sie darf Ecken und Kanten haben. Sie darf überraschend, kraftvoll, unkonventionell oder ganz leise sein.

Und sie darf sich entwickeln.

Vielleicht liegt die eigentliche Freiheit nicht darin, auf Schönheit zu verzichten, sondern darin, sie ohne den Druck der Perfektion entdecken zu dürfen.


Was macht eine Bewegung eigentlich schön?

Wenn ich Menschen beim Tanzen beobachte, sind es selten die spektakulärsten Bewegungen, die mich am meisten berühren.

Manchmal ist es eine ganz einfache Drehung. Ein bewusst gesetzter Schritt. Eine Armbewegung, die genau im richtigen Moment endet. Zwei Menschen, die für einen Augenblick vollkommen in derselben Musik aufgehen.

Schönheit im Tanz hat für mich deshalb wenig mit einem bestimmten Körperbild zu tun.

Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Bewegung, Musik, Technik, Ausdruck und Persönlichkeit.

Eine Bewegung kann kraftvoll, weich, elegant, verspielt, sinnlich oder zurückhaltend sein. Sie muss nicht jedem gefallen. Sie muss auch nicht einem einzigen ästhetischen Ideal entsprechen.

Und trotzdem können wir ihre Schönheit erkennen.

Vielleicht ist es gerade diese Vielfalt, die den Tanz so faszinierend macht.


Schönheit ist nicht dasselbe wie Perfektion

In meinen Kursen erlebe ich immer wieder, wie sehr sich Menschen mit der Vorstellung beschäftigen, etwas richtig machen zu müssen.

War der Schritt korrekt? War die Drehung gut? Habe ich meinen Arm richtig gehalten? Habe ich mich vielleicht sogar lächerlich gemacht?

Gerade Anfängerinnen und Anfänger stehen sich mit diesen Gedanken manchmal selbst im Weg.

Dabei ist Perfektion überhaupt nicht das, wonach ich suche, wenn ich jemanden tanzen sehe.

Ein technisch perfekter Tanz kann mich vollkommen kaltlassen. Eine kleine, einfache Bewegung dagegen kann unglaublich schön sein, wenn sie im Einklang mit der Musik und der Persönlichkeit des Menschen steht, der sie ausführt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Technik unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil.

Und hier kommen wir zu einem Punkt, der mir als Tanzlehrerin besonders am Herzen liegt.


Technik ist kein Gegensatz zur Freiheit

Manchmal begegnet mir die Vorstellung, dass freier Ausdruck vor allem dann entsteht, wenn wir uns möglichst wenig mit Regeln, Technik oder vorgegebenen Bewegungsabläufen beschäftigen.

Einfach die Musik fühlen und sich bewegen.

Und natürlich hat auch das seinen Platz.


Aber wer schon einmal versucht hat, einen Gedanken in einer fremden Sprache auszudrücken, kennt vielleicht das Gefühl: Man weiß genau, was man sagen möchte, aber es fehlen einem die Worte.

Mit dem Tanzen ist es ähnlich.


Die Musik löst etwas in uns aus. Wir möchten darauf reagieren, einen Akzent setzen, eine Bewegung verlängern, mit dem Rhythmus spielen oder ein Gefühl ausdrücken.

Aber manchmal fehlen uns die körperlichen Möglichkeiten, um genau das umzusetzen.

Nicht, weil unser Körper dazu grundsätzlich nicht in der Lage wäre.

Sondern weil wir seine Bewegungssprache noch nicht ausreichend kennengelernt haben. Technik gibt uns ein Vokabular.


All diese Grundlagen erweitern unsere Möglichkeiten.

Und irgendwann geschieht etwas Wunderbares:

Wir müssen nicht mehr über jeden einzelnen Schritt nachdenken. Wir können uns auf die Musik konzentrieren, auf unseren Tanzpartner und auf das, was wir ausdrücken möchten.

Die Technik tritt in den Hintergrund und wird zu etwas, das uns trägt.

Sie schränkt unsere Freiheit nicht ein. Sie macht sie erst möglich.


Ästhetik darf gelernt werden

Ich finde, wir dürfen auch wieder darüber sprechen, dass es einen Unterschied macht, wie wir eine Bewegung ausführen.

Ob wir einen Arm einfach irgendwohin bewegen oder eine Linie bewusst gestalten.

Ob wir einen Schritt irgendwie setzen oder unser Gewicht klar verlagern.

Ob wir die Musik nur begleiten oder mit unserem Körper tatsächlich auf sie antworten.

Das ist keine Frage des persönlichen Wertes eines Menschen. Und auch keine Frage, ob jemand einen vermeintlich idealen Körper besitzt.

Es ist eine Frage des Handwerks.

Ein Musiker beschäftigt sich mit Ton, Dynamik und Phrasierung. Ein Maler mit Farbe, Form und Komposition.

Warum sollten wir im Tanz darauf verzichten, uns mit der ästhetischen Qualität unserer Bewegungen auseinanderzusetzen?


Natürlich gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, was schön ist.

Eine kraftvolle afrokubanische Bewegung folgt anderen ästhetischen Prinzipien als eine elegante Drehung im klassischen Ballett. Eine spielerische Salsa-Sequenz kann eine völlig andere Wirkung entfalten als eine fließende, ruhige Bewegung.

Gerade diese Unterschiede machen den Tanz so faszinierend.

Denn Ästhetik bedeutet nicht, einer einzigen Form entsprechen zu müssen.

Sie bedeutet, die Möglichkeiten einer Bewegung zu erkennen und bewusst mit ihnen zu gestalten.

Und vielleicht ist das eine der schönsten Aufgaben, die ich als Tanzlehrerin habe:

Menschen dabei zu begleiten, ihren eigenen Ausdruck zu entdecken – und ihnen gleichzeitig das Handwerk mitzugeben, um ihn sichtbar werden zu lassen.


Die Schönheit der eigenen Bewegung entdecken

Vielleicht müssen wir Schönheit gar nicht neu definieren.

Vielleicht dürfen wir einfach wieder neugieriger auf sie werden.

Wir dürfen eine Bewegung schön finden, ohne deshalb eine andere abzuwerten. Wir dürfen nach Eleganz streben, ohne einem bestimmten Körperideal entsprechen zu müssen. Und wir dürfen an unserer Technik arbeiten, ohne Perfektion zu verlangen.

Denn Schönheit entsteht für mich nicht dadurch, dass wir unsere Individualität zugunsten einer perfekten Form aufgeben.

Sie entsteht dort, wo Form und Persönlichkeit zusammenfinden.

Wo wir unseren Körper immer besser kennenlernen und irgendwann nicht mehr nur versuchen, die richtigen Schritte zu machen.

Sondern beginnen, wirklich zu tanzen.


Ein kleiner Schritt auf diesem Weg: Unser Dance Smarter Workbook

Genau aus dieser Überzeugung heraus ist auch unser neues Dance Smarter Workbook entstanden.

Es geht darin nicht darum, einem bestimmten Schönheitsideal näherzukommen oder möglichst schnell perfekt tanzen zu lernen.

Es geht darum, den eigenen Körper besser kennenzulernen, Bewegungen zu verstehen, Grundlagen zu festigen und Schritt für Schritt mehr Sicherheit zu entwickeln.

Mit Übungen zu Technik, Warm-up, Körperbewusstsein, Musikalität und persönlicher Reflexion begleitet dich das Workbook dabei, deine eigene Bewegungssprache weiterzuentwickeln.

Denn je vertrauter uns die Grundlagen werden, desto weniger müssen wir uns an ihnen festhalten.

Und desto mehr Raum entsteht für das, worum es beim Tanzen letztlich geht:

Musik. Ausdruck. Persönlichkeit. Freiheit.

Vielleicht ist Technik deshalb nicht der Weg zur perfekten Bewegung.

Sondern der Weg zu einer Bewegung, die wirklich unsere eigene werden kann.


Und darin liegt für mich eine ganz besondere Form von Schönheit...



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