Was man nach 20 Jahren Tanzunterricht anders sieht

Erfahrung bedeutet nicht, alles zu wissen. Vielleicht bedeutet sie sogar das Gegenteil: immer genauer zu sehen, wie viel hinter den Dingen steckt.
Als ich angefangen habe zu tanzen, wollte ich vor allem eines: besser werden.
Mehr Technik. Mehr Ausdruck. Mehr Wissen. Neue Stile lernen, Workshops besuchen, trainieren, ausprobieren. Später kam das Unterrichten dazu. Und irgendwann wurde aus dem Tanzen ein Beruf.
Heute, nach mehr als 20 Jahren, sehe ich vieles anders.
Nicht unbedingt, weil ich heute auf alles eine Antwort hätte. Sondern weil ich gelernt habe, genauer hinzusehen.
Früher sah ich Schritte. Heute sehe ich Menschen.
Wenn eine Bewegung nicht funktioniert, liegt es selten einfach daran, dass jemand den Schritt „noch nicht kann“.
Vielleicht fehlt die Gewichtsverlagerung. Vielleicht stimmt die Achse nicht. Vielleicht wurde eine Bewegung zwar verstanden, aber vom Körper noch nicht verarbeitet. Vielleicht fehlt das Vertrauen in den Partner. Oder die Musik ist noch etwas, das im Hintergrund läuft, statt die Bewegung zu tragen.
Und manchmal braucht es auch einfach Zeit...
Guter Unterricht bedeutet für mich deshalb heute viel weniger, möglichst viel Wissen weiterzugeben.
Es bedeutet zu erkennen, was dieser Mensch gerade braucht, damit etwas möglich wird.
Früher wollte ich zeigen, was ich kann. Heute interessiert mich, was meine Schüler können.
Auch das hat sich verändert.
Als junge Tänzerin und Trainerin war mein eigenes Können sehr präsent. (Und das kann ich sicherlich auch für Gensil so formulieren, der schon immer und auch nach wie vor mit seiner unglaublichen starken und selbstverständlichen Präsenz glänzte und besticht.)
Natürlich wollte ich technisch gut sein. Ich wollte mich weiterentwickeln, Neues lernen und zeigen können.
Heute interessiert mich eine andere Frage viel mehr:
Was passiert mit den Menschen, nachdem sie meinen Unterricht verlassen?
Können sie etwas, das vorher noch nicht möglich war?
Haben sie etwas verstanden?
Trauen sie sich mehr?
Hören sie plötzlich etwas in der Musik, das sie vorher nicht wahrgenommen haben?
Vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zwischen Können und Unterrichten:
Es geht irgendwann nicht mehr darum, selbst im Mittelpunkt zu stehen. Sondern darum, einen Raum zu schaffen, in dem andere sich entwickeln können.
Erfahrung lässt sich schwer auf ein Zertifikat schreiben
Ausbildungen waren und sind für mich wichtig. Ich habe selbst viele davon gemacht und bilde mich bis heute weiter. (Und ich denke persönlich sogar, dass es das lebenslange Lernen ist, sich in die Position des Lernenden zu begeben ist, was einen trägt und mit einem offenen Blick in die Zukunft schauen lässt)
Aber nach all den Jahren weiß ich auch: Nicht alles, was einen guten Lehrer ausmacht, lässt sich zertifizieren.
Es sind die hunderten Menschen, die man begleitet hat.
Die Unterrichtsstunden, die überhaupt nicht so funktioniert haben wie geplant.
Die Schüler, bei denen man einen anderen Weg finden musste.
Die Fehler, die man selbst gemacht hat.
Die Momente, in denen man merkt, dass eine Erklärung, die für zehn Menschen funktioniert, beim elften Menschen überhaupt nichts bewirkt.
Und irgendwann entsteht daraus etwas, das schwer messbar ist:
Erfahrung.
Sie macht einen nicht unfehlbar. Im Gegenteil.
Vielleicht macht sie einen sogar vorsichtiger mit schnellen Antworten.
Je länger ich bzw. wir unterrichten, desto weniger glaube ich an schnelle Lösungen
Unsere Welt liebt heute Titel, Methoden und Versprechen!
In wenigen Wochen dieses lernen. Mit jener Methode schneller ans Ziel kommen. Noch eine Ausbildung, noch ein Konzept, noch ein Name dafür.
Manches davon ist großartig. Ich lerne selbst gerne Neues und finde es spannend, wie sich unser Wissen über Bewegung, Lernen und den Körper weiterentwickelt.
Aber gleichzeitig habe ich über die Jahre großen Respekt vor Dingen bekommen, die Zeit brauchen.
Ein Körper braucht Zeit.
Musikalität braucht Zeit.
Führen und Folgen brauchen Zeit.
Vertrauen braucht Zeit.
Und auch ein guter Lehrer wird nicht durch eine Ausbildung fertig.
Vielleicht wird er überhaupt nie fertig.
Qualität ist oft erstaunlich unspektakulär
Je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr fasziniert mich etwas anderes:
Die wirklich wichtigen Dinge sind von außen oft kaum sichtbar.
Ein guter Lehrer muss nicht permanent zeigen, wie viel er weiß.
Eine gute Korrektur kann aus einem einzigen Satz bestehen.
Eine gute Stunde muss nicht zwanzig Figuren enthalten.
Und ein Schüler, der nach acht Wochen „nur“ einen Grundschritt wirklich verstanden hat, kann weiter gekommen sein als jemand, der zwanzig Figuren auswendig tanzt.
Von außen sieht man diesen Unterschied manchmal kaum.
Aber man spürt ihn.
Beim Tanzen.
Beim Unterrichten.
Und irgendwann auch bei den Menschen, die daraus hervorgehen.
Was ich nach 20 Jahren anders sehe?
Ich sehe weniger Kategorien und mehr Zusammenhänge.
Ich sehe weniger Schritte und mehr Bewegung.
Weniger Figuren und mehr Musik.
Weniger Leistung und mehr Entwicklung.
Und vielleicht bin ich gerade deshalb heute neugieriger auf meinen Beruf als früher.
Denn Erfahrung bedeutet für mich nicht:
„Ich weiß, wie es geht.“
Sondern viel öfter:
„Ich sehe heute Dinge, die ich früher noch nicht gesehen habe.“
Und vermutlich werde ich in zehn Jahren wieder manches anders sehen als heute.
Ich hoffe es sogar...
Und vielleicht muss man manches gar nicht erklären, sondern erleben.
Im September öffnen wir deshalb wieder unsere Türen zur Kennenlernwoche. Drei Tage, verschiedene Tanzstile und die Möglichkeit, ganz unverbindlich auszuprobieren, wie sich Tanzen bei uns anfühlt.
Denn am Ende kann ich viel darüber schreiben, was guten Unterricht ausmacht. Viel schöner ist es, wenn du dir selbst ein Bild davon machst.
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