Teil 3 – Ankommen ist nicht dasselbe wie dazugehören
2006 / 2007 – Unser Anfang mit Salsa in Innsbruck

Es gibt Geschichten, die erzählt man im Rückblick gerne gerade.
Man beginnt irgendwo, arbeitet hart, begegnet den richtigen Menschen – und irgendwann ist man angekommen.
Unsere Geschichte in Tirol verlief nicht so.
Als wir Ende 2006 von München nach Innsbruck kamen, kamen wir nicht hierher, um eine eigene Tanzschule aufzubauen oder jemandem Konkurrenz zu machen.
Wir wurden nach Innsbruck geholt.
Wir waren voller Ideen, voller Energie und wahrscheinlich auch ziemlich naiv in der Vorstellung, dass Begeisterung für dieselbe Sache automatisch bedeutet, dass Menschen auch dasselbe miteinander wollen.
Heute wissen wir: Das muss nicht so sein.
Die ersten Monate
Unser Start in Tirol war zunächst eng mit Menschen aus der bestehenden Salsa-Szene verbunden.
Wir unterrichteten, lernten Tänzerinnen und Tänzer kennen und begannen, uns hier ein neues Leben aufzubauen.
Privat genauso wie beruflich.
Aber bereits nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass Vorstellungen, Erwartungen und Wege nicht zusammenpassten.
Nach ungefähr zehn Monaten trennten sich unsere Wege.
Was nach außen vielleicht wie eine berufliche Veränderung aussah, war für uns damals wesentlich mehr. Denn wir waren neu hier.
München lag irgendwie hinter uns. Unser vertrautes Umfeld ebenfalls.
Und plötzlich mussten wir uns entscheiden:
Gehen wir zurück – oder versuchen wir, hier unseren eigenen Weg zu finden?
Wir blieben.
Wenn aus Zusammenarbeit Konkurrenz wird
Was danach kam, gehört ebenfalls zu unserer Geschichte.
Und lange Zeit habe ich überlegt, ob solche Dinge überhaupt in die Öffentlichkeit geschweige denn in eine Jubiläumsreihe gehören.
Denn natürlich könnte man einfach die schönen Bilder zeigen.
Shows, Veranstaltungen, volle Tanzflächen, Erfolge...
Aber 20 Jahre bestehen nicht nur daraus.
Nach der Trennung von unserem damaligen Partner mussten wir erleben, wie schnell aus einer gemeinsamen Leidenschaft Abgrenzung entstehen kann.
Es wurde über uns gesprochen. Unsere Arbeit wurde öffentlich infrage gestellt.
Es entstanden Geschichten und Zuschreibungen über uns, von denen manche erstaunlich langlebig waren.
Und obwohl Menschen kamen und gingen, begegneten uns manche dieser Erzählungen noch viele Jahre später.
Damals hat mich das sehr beschäftigt. Heute sehe ich etwas anderes darin.
Wir mussten herausfinden, wer wir eigentlich sein wollten
Vielleicht wäre Tropical Swing ohne diese Erfahrung anders geworden.
Denn plötzlich konnten wir nicht mehr einfach Teil von etwas Bestehendem sein.
Wir mussten selbst entscheiden:
Wie wollen wir unterrichten?
Wie wollen wir mit Menschen umgehen?
Welche Atmosphäre wollen wir schaffen?
Was bedeutet Community für uns?
Und welche Dinge wollen wir gerade nicht übernehmen?
Wir begannen "pasito pasito".
Wir unterrichteten an unterschiedlichen Orten, bauten Kontakte auf, entwickelten eigene Formate und arbeiteten mit Menschen und Institutionen nach wie vor weit über die klassische Salsa-Szene hinaus.
Nicht alles funktionierte.
Manches verschwand wieder.
Anderes wurde größer, als wir uns damals hätten vorstellen können.
Aber Stück für Stück entstand etwas, das unseres war.
Als wir begannen, Salsa in Innsbruck zu unterrichten, ahnten wir tatsächlich noch nicht, welche Wege sich daraus entwickeln würden...
Einen eigenen Platz schaffen
Vielleicht zieht sich genau dieses Motiv durch unsere gesamte Geschichte.
Wenn ein Platz nicht da war, haben wir versucht, einen zu schaffen.
Für Tanz - für Begegnung - für unterschiedliche Menschen.
Für Ideen, die manchmal ein bisschen größer waren als unsere Möglichkeiten. 😉
Daraus entstanden später kleine und große Veranstaltungen, Shows, Festivals, Kooperationen, Produktionen und schließlich eine Community, die weit über einen einzelnen Tanzkurs hinausging.
Und irgendwann war Tropical Swing nicht mehr einfach der Name unter einem Kursangebot. Es war unser Zuhause geworden.
Aber Grenzen gehören ebenfalls zu einer Community
Das ist etwas, das ich heute anders sehe als vor 20 Jahren.
Lange dachte ich, Professionalität bedeute auch, vieles auszuhalten.
Nicht auf jedes Gerede zu reagieren.
Sich nicht provozieren zu lassen.
Weiterzuarbeiten und darauf zu vertrauen, dass die eigene Arbeit irgendwann für sich selbst spricht. Vieles davon würde ich heute wieder genauso machen.
Aber eines nicht: Schweigen und Größe sind nicht dasselbe.
Man kann sich entscheiden, einen Konflikt nicht weiterzuführen und trotzdem sagen:
Bis hierher und nicht weiter.
Man kann andere Wege respektieren, ohne die eigene Geschichte verleugnen zu müssen. Und man darf nach 20 Jahren auch Dinge beim Namen nennen, die schwierig waren – ohne daraus einen neuen Kampf machen zu wollen.
Vielleicht gehört auch das zum Erwachsenwerden.
Als Mensch und als Unternehmen.
Heute müssen wir niemandem mehr beweisen, dass wir hierher gehören...
Wenn ich die Bilder der vergangenen Jahre anschaue, ist das vielleicht eine der größten Veränderungen.
Damals waren wir zwei Menschen, die gerade erst nach Tirol gekommen waren und versucht haben, ihren Platz zu finden.
Heute liegen vor mir Bilder aus fast zwei Jahrzehnten.
Von Menschen, die bei uns ihre ersten Schritte getanzt haben.
Von Schülern, die später selbst unterrichteten.
Von Shows und Theaterproduktionen.
Vom Salsacongress Austria, welches zu unserer Feuertaufe als Veranstalter werden sollte.
Von Schulprojekten und Ausbildungen.
Von zahlreichen Veranstaltungen und Festivals.
Von Freundschaften.
Von Menschen, die gegangen sind.
Und von Menschen, die geblieben sind.
Und auch von einigen, die nach vielen Jahren plötzlich unter einem Foto schreiben:
„Ich war damals dabei.“
Vielleicht ist Zugehörigkeit am Ende genau das.
Nicht, dass jeder einen mag.
Nicht, dass es keine Konflikte gibt.
Und auch nicht, dass alle dieselbe Geschichte über einen erzählen.
Sondern dass man irgendwann zurückschauen kann und erkennt:
Wir sind geblieben. Wir haben weitergemacht. Und wir haben etwas Eigenes geschaffen.
Vielleicht kennt ihr diese Zeit noch
Einige von euch begleiten uns tatsächlich seit diesen ersten Jahren in Tirol.
Vielleicht habt ihr bei einem unserer ersten Kurse mitgemacht.
Vielleicht wart ihr bei einer der ersten Partys dabei.
Vielleicht gibt es irgendwo noch Fotos, Flyer oder Videos, die längst auf einer alten Festplatte verschwunden sind.
Dann schickt sie uns.
Denn während wir gerade unsere Archive öffnen, merken wir immer mehr:
Unsere Geschichte besteht nicht nur aus dem, woran wir uns erinnern.
Sondern auch aus dem, woran ihr euch erinnert.
Und genau deshalb erzählen wir sie jetzt.
Heike von Tropical Swing beim Social Dance mit einem Schüler Heike und Gensil von Tropical Swing bei einem Showautritt in Innsbruck 2006 Heike von Tropical Swing bei einem Showauftritt in Innsbruck 2006 Heike und Gensil von Tropical Swing bei einem Showauftritt in der Ctya in Innsbruck 2006 Heike und Gensil von Tropical Swing bei einem Showauftritt in der Cyta in Innsbruck 2007





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