Müssen wir heute alles zeigen?
- Heike Fermin Guillen

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt einen Moment im Jahr, den ich besonders mag - die Sommerpause. :-)
Nicht, weil nichts passiert – sondern weil plötzlich Raum entsteht. Zwischen Kursen, Veranstaltungen, Urlauben und Terminen.
Ein kleines Vakuum, das sich zunächst ungewohnt anfühlt.
Und genau in diesem Raum fällt mir etwas auf.
Während das echte Leben scheinbar einen Gang zurückschaltet, scheint die Welt in den sozialen Medien noch schneller zu werden.
Urlaubsbilder. Perfekte Sonnenuntergänge. Lebensweisheiten. Erfolge. Emotionale Geschichten. Neue Projekte. Neue Ziele.
Fast jeder Moment scheint dokumentiert zu werden.
Manchmal frage ich mich, ob wir heute das Gefühl haben, dass ein Augenblick erst dann wirklich existiert, wenn andere ihn gesehen haben.
Dabei geht es mir gar nicht darum, Social Media zu kritisieren. Wir nutzen diese Kanäle selbst. Sie verbinden Menschen, schaffen Reichweite und ermöglichen Begegnungen, die früher gar nicht möglich gewesen wären.
Und trotzdem beschäftigt mich eine Frage.
Erleben wir den Moment – oder erzählen wir bereits die Geschichte darüber?
Wenn sogar Verletzlichkeit sichtbar werden muss
In den letzten Jahren hat sich etwas verändert.
Nicht nur Erfolge werden geteilt.
Auch Verletzlichkeit, Überforderung oder Sensibilität werden immer häufiger öffentlich gemacht.
Das kann unglaublich mutig und ehrlich sein.
Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, dass selbst diese Gefühle unter Druck geraten, sichtbar sein zu müssen. Nicht weil sie unecht wären.
Sondern weil unsere Zeit uns ständig vermittelt, dass alles geteilt werden sollte.
Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung.
Nicht jede Emotion braucht ein Publikum.
Nicht jeder schöne Moment braucht eine Kamera.
Nicht jede Erfahrung wird wertvoller, wenn sie möglichst viele Menschen erreicht.
Manches wächst gerade deshalb, weil es still bleiben darf.
Was hat das mit Tanzen zu tun?
Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Im Tanz begegnen wir Menschen.
Wir lachen.
Wir machen Fehler.
Wir lernen.
Wir scheitern.
Wir entwickeln Vertrauen.
Und manchmal entsteht ein Tanz, den niemand filmt.
Kein Video.
Kein Foto.
Keine Story.
Nur Musik.
Zwei Menschen.
Und ein Moment, der bleibt.
Gerade diese Tänze sind es oft, die wir Jahre später noch in Erinnerung haben.
Nicht weil sie perfekt waren.
Sondern weil wir vollkommen präsent waren.
Aufmerksamkeit oder Begegnung?
Unsere Gesellschaft belohnt Aufmerksamkeit.
Je sichtbarer etwas ist, desto wichtiger scheint es zu sein.
Doch Aufmerksamkeit und Begegnung sind nicht dasselbe.
Aufmerksamkeit dauert oft nur wenige Sekunden.
Eine echte Begegnung kann ein Leben verändern.
Deshalb wünschen wir uns im Tanzstudio etwas anderes.
Natürlich freuen wir uns über Fotos, Videos und gemeinsame Erinnerungen.
Aber noch mehr freuen wir uns über Menschen, die für sechzig Minuten ihr Handy vergessen. Die sich auf Musik einlassen.
Die sich trauen, Fehler zu machen.
Die miteinander lachen.
Die nach einer Stunde sagen:
"Heute war ich einfach ganz da."
Genau dafür machen wir das.
Vielleicht ist das der eigentliche Luxus
Nicht der perfekte Urlaub.
Nicht das schönste Foto.
Nicht der spektakulärste Tanz.
Sondern die Fähigkeit, einen Moment vollständig zu erleben, ohne ihn sofort festhalten zu müssen.
Vielleicht brauchen wir in einer immer lauteren Welt nicht noch mehr Sichtbarkeit.
Vielleicht brauchen wir mehr Präsenz.
Mehr echte Gespräche.
Mehr gemeinsames Lachen.
Mehr Musik.
Mehr Momente, die niemand außer den Menschen erlebt, die gerade dabei sind.
Denn am Ende sind es genau diese Augenblicke, die uns verbinden.
Nicht die, die die meisten Likes bekommen.
Sondern die, die wir wirklich gefühlt haben.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir tanzen.
Nicht, um gesehen zu werden.
Sondern um für einen Moment ganz bei uns selbst und gleichzeitig auch beim anderen anzukommen. :-)
In diesem Sinne wünschen wir dir und uns allen genau diese Momente, besonders in dieser Zeit, wenn sich der alltägliche Rhythmus ändert und Raum bietet, sich darauf einzulassen.




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