Fortschritt ist ein Schritt von sich fort – was KI, digitales Lernen und Tanzen wirklich mit uns machen
- Heike Fermin Guillen

- 7. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Wir leben in einer Zeit, in der Fortschritt beinahe automatisch mit Digitalisierung gleichgesetzt wird. Künstliche Intelligenz, Onlinekurse, Apps, Video-Tutorials – alles verspricht Effizienz, Zugang und Selbstoptimierung. Lernen soll schneller gehen, flexibler, jederzeit abrufbar.
Und doch bleibt bei vielen ein leises Gefühl zurück: Entfernen wir uns dabei nicht auch ein Stück von uns selbst?
Der Satz „Fortschritt ist ein Schritt von sich fort“ bringt diese Ambivalenz treffend auf den Punkt.
Er ist keine Kritik an Technologie. Sondern eine Erinnerung daran, dass Entwicklung nicht nur nach außen stattfindet – sondern vor allem nach innen.
Gerade im Tanz wird dieser Unterschied besonders sichtbar.
Der Mensch ist ein analoges Wesen in einer digitalen Welt
Unser Körper funktioniert nicht digital. Er lernt nicht über Download, sondern über Erfahrung.
Neurowissenschaftliche Studien zeigen seit Jahren:Bewegung, Berührung, Rhythmus und soziale Interaktion aktivieren komplexe Netzwerke im Gehirn, die durch reine visuelle Informationsaufnahme nicht vollständig ersetzt werden können. Lernen geschieht nicht nur im Kopf – sondern im ganzen Körper.
Wenn wir tanzen:
spüren wir Gewicht, Balance und Muskelspannung
reagieren wir auf einen realen Partner
synchronisieren uns mit Musik im Raum
lesen Mimik, Energie, Atmosphäre
All das sind Prozesse, die tief in unseren motorischen, emotionalen und sozialen Gehirnarealen verankert sind. Sie entstehen nicht durch Beobachtung allein, sondern durch körperliches Tun.
Ein Video kann zeigen. Aber nur der Körper kann verstehen.
Digitale Tools: Unterstützung, nicht Ersatz
Die digitale Welt bringt enorme Chancen – auch im Tanz.
Übungen können wiederholt werden
Theorie wird zugänglich
Musikalität lässt sich analysieren
Inspiration ist jederzeit verfügbar
Gerade für Anfänger oder zum Wiederholen zuhause sind Videos und kleine Online-Tools wertvoll. Sie verlängern den Lernprozess über den Unterricht hinaus.
Doch sie bleiben eine Ergänzung.
Denn das, was Tanzen wirklich ausmacht, passiert im Moment:
im Kontakt
im Raum
im gemeinsamen Erleben
im unmittelbaren Feedback
Kein Algorithmus spürt, ob eine Bewegung „lebt“. Kein Bildschirm ersetzt die Energie eines realen Tanzes.
Warum wir physisches Lernen brauchen
Aus Sicht der Gehirnforschung ist körperliches Lernen besonders nachhaltig, weil es mehrere Ebenen gleichzeitig aktiviert:
Motorische Systeme – Bewegung wird gespeichert
Emotionale Zentren – Freude, Unsicherheit, Erfolg werden verknüpft
Soziale Netzwerke – Verbindung zu anderen Menschen entsteht
Sensorische Wahrnehmung – Raum, Rhythmus, Timing werden erlebt
Diese Kombination sorgt dafür, dass Erfahrungen tief verankert werden.
Deshalb erinnern wir uns an:
unseren ersten Tanzkurs
den Moment, in dem etwas plötzlich „funktioniert“
den Tanz, der uns berührt hat
Nicht, weil wir ihn gesehen haben. Sondern weil wir ihn erlebt haben.
Die stille Gefahr der reinen Digitalität
Je mehr wir lernen, kommunizieren und uns bewegen, ohne physisch präsent zu sein, desto mehr verschiebt sich unser Bezug zur eigenen Wahrnehmung.
Wir konsumieren Bewegung statt sie zu fühlen. Wir analysieren statt zu erleben.
Wir optimieren statt zu verkörpern.
Das kann dazu führen, dass wir zwar mehr „wissen“, aber weniger spüren.
Gerade im Tanz zeigt sich das deutlich:Menschen können Schritte auswendig lernen – und dennoch ohne Ausdruck tanzen.
Sie verstehen Abläufe – aber nicht Energie. Denn Ausdruck entsteht nicht im Kopf.
Er entsteht im Körper.
Die Zukunft liegt nicht im Entweder-oder
Es wäre zu einfach zu sagen: analog gut, digital schlecht.
Die eigentliche Stärke liegt in der Verbindung beider Welten.
Digitale Angebote können:
Orientierung geben
Inspiration liefern
Übungsräume öffnen
Lernen begleiten
Das physische Tanzen kann:
Tiefe erzeugen
Verbindung schaffen
Selbstwahrnehmung stärken
echte Entwicklung ermöglichen
Die Zukunft gehört nicht denen, die alles digitalisieren.Sondern denen, die verstehen, wo Digitalität endet – und menschliche Erfahrung beginnt.
Tanzen als Rückweg zu uns selbst
Vielleicht ist Tanzen heute wichtiger denn je. In einer Welt voller Bildschirme erinnert es uns daran:
wie sich ein Körper anfühlt
wie Nähe entsteht
wie Rhythmus durch uns fließt
wie Präsenz aussieht
Tanzen ist kein Content. Es ist Erfahrung.
Kein Fortschritt führt von uns weg, wenn wir ihn bewusst nutzen.Aber jeder Fortschritt braucht einen Gegenpol, der uns zurückholt.
Der Tanz kann genau das sein.
Nicht als Gegenbewegung zur digitalen Welt. Sondern als Erdung darin.
Denn während Technik immer schneller wird, bleibt der Mensch gleich:
Er lernt durch Bewegung. Er wächst durch Begegnung. Und er findet sich selbst nicht im Bildschirm – sondern im Erleben.




Kommentare